Kunstschätze

Johannesminne

Die sechste Äbtissin des Zisterzienserinnenklosters Heiligkreuztal, Elisabeth, Freiin von Steffeln (1305-1312), hatte in der Werkstatt des Heinrich von Konstanz nicht nur das prächtige Chorfenster für den Neubau der Münsters in Auftrag gegeben, sondern auch eine Holzskulptur: die „Johannes -Minne.“ Die älteste Darstellung dieser Art stammt aus der Umgebung von Zwiefalten und befindet sich heute im Museum of Art in Cleveland, Ohio.

Die sechste Äbtissin des Zisterzienserinnenklosters Heiligkreuztal, Elisabeth, Freiin von Steffeln (1305-1312), hatte in der Werkstatt des Heinrich von Konstanz nicht nur das prächtige Chorfenster für den Neubau der Münsters in Auftrag gegeben, sondern auch eine Holzskulptur: die „Johannes -Minne.“ Die älteste Darstellung dieser Art stammt aus der Umgebung von Zwiefalten und befindet sich heute im Museum of Art in Cleveland, Ohio.

Deren Entstehung wird in die Zeit zwischen 1280 und 1290 datiert. Dort sitzt Christus aufrecht auf einer Bank und links von ihm der Evangelist Johannes mit dem Kopf an die linke Schulter Jesu gelehnt. Christus sitzt ganz aufrecht. Am Beginn des 14. Jahrhunderts schafft Heinrich von Konstanz einen neuen Typus dieser Darstellung, mit 131 cm Höhe fast menschengroß, für das Dominikanerinnenkloster Katharinental. Christus beginnt hier seinen Kopf leicht Johannes zuzuneigen. Die volle „Zuneigung“ Jesu kommt jedoch bei der für Heiligkreuztal bestimmten Skulptur zum Ausdruck, die auch farblich in besonderer Weise gefasst ist.

Wurden bisher solche Schnitzwerke in Kirchen als „Kultgegenstand“ betrachtet, in dem man das Dargestellte ehren und verehren wollte, so entsteht nun ein neuer Typus dieser Skulpturen als „Andachtsgegenstand“: Das Dargestellte soll die innere Phantasie des Betrachtenden anregen, um dadurch seine Andacht im Gebet zu vertiefen.
Wozu will nun diese Plastik innerlich anregen und inspirieren? Zu einem tieferen Verständnis, was lieben heißt: innige, aus dem Herzen kommende Liebe, die damals als „Minne“ bezeichnet wurde.

Äbtissin Elisabeth, die sich im Chorfenster selbst zu Füßen Mariens und Jesus kniend als Sünderin darstellen ließ, wollte, dass die Chorfrauen über dieses Grundanliegen der Zisterzienserklöster nachdachten und meditierten, nämlich eine „Schule der Liebe“ zu sein.
„Wo und wie lerne ich lieben?“ Diese Frage beschäftigte damals viele Zisterzienserinnen, unter ihnen die mystisch begnadete Gertrud von Helfta (1256-1301). Deren Visionsberichte haben dabei eindeutig die Gestaltung der Heiligkreuztaler Johannesminne inspiriert:

Zwei Textstellen aus dem Buch Gertruds über den „Gesandten der göttlichen Liebe“ ( Kap IV, 4 ) sollen dies verdeutlichen:

Am Fest des Apostels Johannes bei der Matutin betete sie andächtig, wie sie es immer tat. Da war der geliebte Jünger bei ihr, der, Jünger, den Jesus in Wahrheit liebte, und der aus dem Grund von allen Liebenden mit Recht geliebt werden soll. – Und er liebkoste sie vielmals. Da vertraute sie ihm mehrere aus der Klostergemeinschaft an, die ihrem Gebet anempfohlen waren. Er nahm die Wünsche aller freundlich entgegen und sprach: »Darin bin ich meinem Herrn ähnlich; ich liebe die, die mich lieben.» Da sagte sie zu ihm: »Und ich Geringe, welche Gnade kann ich an Deinem hohen Fest erlangen?» Er antwortete:

»Komm mit mir, du Erwählte meines Herrn, wir wollen miteinander an der Brust des Herrn ausruhen, in der alle Schätze der Seligkeit geborgen sind.» Und er nahm sie mit sich in die heilswirkende Gegenwart des Erlösers und Herrn, und er stellte sie zur Rechten des Herrn, er selbst neigte sich zur Linken, um auszuruhen. Und sie ruhten beide beseligt an der Brust des Herrn.

Später heißt es in diesem Visionsbericht:

In einer Nacht betete sie inständig, und sie bemühte sich in besonderer Andacht, dem Herrn zu nahen. Da sah sie den heiligen Johannes an ihn gelehnt, ihn in liebevoller Umarmung umfassen und sich zärtlich mit ihm unterhalten. Sie warf sich demütig zu den Füßen des Herrn nieder, um ihre eigenen Fehler abzuwaschen, da redete sie der heilige Johannes freundlich an: »Lass dich durch mein Dabeisein nicht abschrecken. Siehe, diesen Hals können tausend und abertausend Liebende umfassen, und dieser Mund bietet sich den Küssen der Vielen dar, und diese Ohren bewahren die Geheimnisse aller.»

Betrachtet man die Heiligkreuztaler Johannesminne, kann man das Bild Jesu in dieser Vision wiedererkennen: Auffallend lang der Hals Jesu, betont rot seine Lippen, und offen zu sehen sind seine Ohren. Diese drei Eigenheiten illustrieren, was damals unter „Minne“ verstanden wurde:
„Ich habe jemanden, den ich umarmen und festhalten kann, jemand, dessen Odem mich berührt und inspiriert und dem ich das Innerste meines Herzens ins Ohr flüstern und anvertrauen kann…“

Man kann in der Johannesminne noch weitere „Minne-Botschaften“ herauslesen, mit denen Jesus die Meditierenden ansprechen will:

„Ich biete dir meine Treue an und gebe dir festen Halt“
– Jesus bietet Johannes seine Rechte an, ohne die Rechte des Johannes festzuklammern.
Seine Linke stützt Johannes an der Schulter und Johannes legt seine Linke auf sein linkes Bein, dem Standbein, das ihm Halt gibt.
„Ich habe mich arm gemacht, um dich reich zu machen“
– Jesus ist wie Johannes barfüßig, sein Obergewand ist farblos grau, aber glänzend.
Nur Begüterte Menschen konnten sich damals farbige Kleidung leisten, die Armen trugen oft graue, ungefärbte Wollkleidung. Das goldenfarbige Untergewand Jesu steht für seine Göttlichkeit, ebenso wie der goldene Saum, der auch auf den Kleidern des Johannes zu sehen ist. Rot steht für die Liebe und Grün für die Fruchtbarkeit, die Keimkraft der Liebe: „viriditas“.
„Ich sehe mehr als du und ich habe alles im Blick“
– der scheinbar schielende Blick Jesu („gotischer Blick“) steht dafür, dass er nicht nur die, welche ihn auf ihn schauen, wahrnimmt, sondern auch die anderen, die daneben stehen. Jesus sieht mehr und tiefer in die Wirklichkeit. Johannes kann sich dabei ganz der Vor-Sehung Jesu anvertrauen.
„Teile mit mir mein Leben und ziehe der Liebe zu mir keine andere vor“
Jesus hat Platz genommen zur Rechten Johannes, der auf einer Baumstumpf-Bank sitzt:
Symbol für sein Leben. Jesus ist etwas größer geschnitzt als Johannes.
„Finde Ruhe und Kraft an meinem Herzen!“
Johannes lehnt seinen Hinterkopf ans Herz Jesu, seine Augen sind fast verschlossen,
er schaut nach innen („mystischer Blick“).
„Die Liebe Gottes umfasst uns und gibt uns Irdischen bereits Anteil am Göttlichen“
Der golden Saum, der beide Figuren umschließt, erinnert an das „göttliche fließende Licht der Gottheit“ der Zisterzienserin Mechthild von Magdeborn 1207-1282, einer Mitschwester Gertruds. Es „durchfließt“ die ganze Darstellung und verbindet die beiden Personen untrennbar miteinander.
„Durch diese Liebe wird aus wüstem Erdreich wieder keimende Schöpfung“
Der grüne Grund steht für die Erde, die wieder keimt und so wieder Früchte bringen kann.
Wo der Mensch tiefe und echte Liebe erfährt , hört die „Ver-Wüstung“ auf und das Leben keimt wieder in voller Hoffnung.

Wo dieses Andachtsbild der Johannesminne ursprünglich seinen Platz hatte, ist nicht mehr zu konstruieren.
Um sie von der Nähe betrachten zu können, musste sie an einem für die Schwestern gut zugänglichen Ort aufgestellt worden sein. 1955 wurde im Zuge umfassender Restaurationsarbeiten die Nische im Chorraum freigelegt, in sie seither ihren festen Platz gefunden hat.

© Heinrich-Maria Burkard, Heiligkreuztal

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